Die Bibliothek des Bewusstseins

soll irgendwo zwischen den subjektiven Landkarten des idealistischen Selbst und den objektiven Landschaften der existenzialistischen Wirklichkeit den Versuch darstellen, psychologische, philosophische und spirituelle Werke als literarische Empfehlungsquelle zusammenfassen. Zudem sammle ich hier neben Essayistik und Poesie meinerseits auch Artikel, Interviews und Projekte der vergangenen Jahre, an denen ich mitgewirkt habe oder die mit mir zu tun haben.

"Zeit ist das Bild der Ewigkeit in Bewegung"

- Platon

Meine Morphologische Datenbank der Bewusstseinsliteratur 

Ken Wilber - Integrale Spiritualität/Meditation/Psychologie/Das Gute, Wahre und Schöne
F.W.J Schelling - System des transzendentalen Idealismus
G.W.F Hegel - Wenn Gott nicht wäre...
Martin Heidegger - Sein und Zeit
Don Beck & Christopher Cowan - Leadership, Werte und Wandel 
Clare Graves - Sein Leben, Sein Werk
Marion Küstenmacher & Tillmann Haberer - Gott 9.0 
Christoph Quarch - Platon und die Folgen
David Hawkins - Die Ebenen des Bewusstseins
Sri Aurobindo - Der integrale Yoga
William Sears - Dieb in der Nacht
Anselm & Michael Grün - Gott und die Quantenphysik
Ulrich Warnke - Quantenphysik und Spiritualität 
Fabian Wollschläger - Sieben geistige Gesetze
Osho - Liebe, Freiheit, Alleinsein
Howard Gardner - Kreative Intelligenz
Peter Sloterdijk - Philosophische Temperamente
Pete Sanders - Das Handbuch übersinnlicher Wahrnehmung
Thomas Metzinger - Der Ego-Tunnel
Jörg Böckem & Henrik Jungaberle - High sein
Volker Gerhardt - Glauben und Wissen
Holms Tetens - Gott denken 
Seneca - Der gute Tod
Hans Kelsen - Was ist Gerechtigkeit?
Hans-Georg Gadamer - Die Aktualität des Schönen
Odo Marquardt - Der Einzelne 
Christian Neuhäuser - Wie reich darf man sein?
Thomas Bauer - Die Vereindeutigung der Welt
Bertram Müller - Philosophen
Horst Brandt - Disziplinen der Philosophie
H.G. Wells - Die Geschichte unserer Welt


Ewige Philosophie

Das absolute Bewusstsein und seine Evolution

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Was ist die ewige Philosophie? Grundlegend und allgemein handelt es sich bei der ewigen Philosophie um die Annahme und Behauptung, dass jenseits jeglicher Symbolik, außerhalb der Sprachen, Theorien und Philosophien Wahrheiten existieren, die absolut sind. Jene Wahrheiten sollen dabei in einer spirituellen oder mystischen Vereinigung mit ihrem absoluten Wesen zwar als Erleuchtung durchaus erfahrbar, mit dem menschlichen Geist jedoch nie wirklich hinreichend zu erfassen sein, da jeder menschlichen Beschreibung ihr relatives, zeitliches und an Kontexte gebundenes Wesen innewohnt. Deshalb sind Formulierungen der ewigen Philosophie, so integral, holistisch und umfassend sie auch sind, letztlich immer lediglich endliche und relative Teilwahrheiten einer absoluten und endlosen Wahrheit. Die Wahrheit aus der menschlichen Sichtweise ist eine relative Perspektive und als solche ein Holon, also eine Ganzheit, die wiederum ein Teil einer umfassenderen Ganzheit, der universalistischen Perspektive der ewigen Philosophie ist, das Selbst der Wirklichkeit stellt sich demzufolge als zugleich absolut (im ewigen Bewusstsein) und relativ (in ihrer Energiestruktur) dar. Inhaltlich setzen sich Fragen um den Themenbereich der ewigen Philosophie mit der Ontologie, der Teleologie und der Metaphysik auseinander, es geht also um die essenzielle Verfassung des Seins und ihre Entwicklungsstruktur, das Selbst und die Wirklichkeit, das Wesen Gottes, den Kosmos und die menschliche Anwesenheit in diesem. 


Im folgenden will ich den Versuch unternehmen, meine relative Perspektive auf die ewige Philosophie und insbesondere die Position des Bewusstseins in ihr darzulegen. Dabei werde ich die Annahme vertreten, dass der ewigen Philosophie, interpretiert man sie als den immanenten Zustand eines absolutes Bewusstseins außerhalb der Raumzeit, diesem zugleich das transzendente Wesen einer relativen Energiestruktur innewohnt, also jegliche endliche Philosophie ein Ausdruck der ewigen Philosophie ist. Bedeutsam erscheinen mir in der Betrachtung und Darlegung meiner Interpretation der ewigen Philosophie einleitend die philosophischen Annahmen des Panpsychismus und Panentheismus.


Der Panpsychismus vertritt die Annahme, dass der gesamte Kosmos der Ausdruck einer universellen Seele, eines absoluten Bewusstseins ist. Bekannte philosophische Beispiele sind die platonische Weltseele und der hegelianische Weltgeist. Hierbei wird davon ausgegangen, dass keine dualistische Trennung zwischen Geist und Materie vorhanden, sondern die Welt der Manifestation mit jener des stetigen Wandels durch einen  absoluten Geist nondual verbunden ist.


Der Panentheismus steht in der Mitte zwischen dem Pantheismus, als Annahme der Immanenz Gottes in der Welt, und dem Theismus, als Annahme der Transzendenz Gottes im Bezug zur Welt, und sieht beide Annahmen als gleichermaßen zutreffend an. Das menschliche Subjekt und das Spektrum seiner geistigen Landkarten kann in diesem Zusammenhang als relative Bewusstseinsevolution der absoluten Landschaft, also des objektiven Kontinuums der ewigen Philosophie und ihres absoluten Bewusstseins, verstanden werden.


Besonders wesentlich scheint mir im Kontext dieser ontologischen, teleologischen und metaphysischen Vermutungen der Zusammenhang zwischen der Involution und der Evolution zu sein. 


Die Evolution kann hier vereinfacht als die transzendente Entwicklung zunehmend integraler und holistischer Systeme beschrieben werden, die von der Materie in einer abstrakten Energiestruktur als Urgrund des Seins ausgeht, welche sich ausgehend von den dichtesten Materieebenen zunehmend komplex und somit schließlich auch als geistiger Prozess des Bewusstseins entfaltet hat. 


Die Involution hingegen geht von der Annahme aus, dass ein immanentes und allumfassendes Bewusstsein jenen Urgrund des Seins darstellt, dass Gott sich in das Universum geworfen und von den Ebenen seines absoluten Bewusstseins zu den weniger verdichteten Dimensionen bis hinab zu den dichtesten Ebenen der Materie begeben hat.


Die Involution und die Evolution beschreiben einen sich weitestgehend gleichenden Prozess, unterscheiden sich jedoch in in ihrer metaphysisch zentralen Annahme, was die Interpretation der ontologischen Ausgangssituation sowie die Teleologie der Entwicklung des Bewusstseins anbelangt. Auch wenn gern der Eindruck erweckt wird, dass die Involution und die Evolution miteinander nicht zu vereinbaren seien, so sehe ich jedoch den absoluten Bewusstseinszustand der ewigen Philosophie der Involution und die relative Energiestruktur der zeitlichen Philosophie der Evolution als zwei Seiten derselben nondualen Medaille. Die geistige Involution ist die abstrakte Landschaft der eingefalteten, platonischen Ideen eines absoluten Bewusstseins, welches sich sich durch die konkrete, relationale und materielle Evolution in einem Zyklus der selbstdifferenzierenden Entwicklung entfaltet. Die vermeintliche Unvereinbarkeit der Involution und Evolution liegt in meinen Augen im Scheinwiderspruch zwischen den wesentlichen Lehren der Religion und jenen der Wissenschaft. Die Religion als Vertreterin der Involution des absoluten Geistes beziehungsweise Bewusstseins birgt in sich die Wahrheit der ewigen Philosophie. Die Wissenschaft als Vertreterin der Evolution der relativen Energiestruktur birgt in sich die Wahrheiten aller zeitlichen Philosophien als Ausdruck ihrer ewigen Quelle. Der große Irrtum im Bruch zwischen alter Weisheit und modernem Wissen scheint mir darin verwurzelt zu sein, dass in der Geschichte immer wieder der Versuch unternommen wurde, das eine auf das andere reduzieren oder sie gar trennen zu wollen. In dieser Interpretation der ewigen Philosophie soll der Versuch erfolgen, weder das Bewusstsein auf komplexe Materie, noch die Materie auf eine niedere Ebene des Seins zu reduzieren. Das absolute Bewusstsein der Involution ist als die Immanenz der ewigen Philosophie die Intraphysik des Selbst, das relative Bewusstsein der Evolution ist als die Transzendenz der endlichen Philosophie die Metaphysik der Wirklichkeit, erstere ist die innere Welt der geistigen Ewigkeit und letztere die Außenwelt der materiellen Endlichkeit. Sie stehen, nondual verwoben und nicht auf einander reduzierbar, miteinander in Resonanz. Materie ist der metaphysische Kokon des intraphysischen Bewusstseins.


Den Panentheismus und Panpsychismus hier mit einbeziehend erscheint mir die ewige Philosophie als die Beschreibung einer immanent transzendenten Wirklichkeit, die aus dem absoluten Bewusstseinszustand

der ontologischen Involution in und durch die relative Energiestruktur der teleologischen Evolution ihr Selbst entfaltet. Die Involution ist die Verfassung des Seins, sie ist der Zustand der ontologischen Immanenz des absoluten Bewusstseins in allen Dingen. Die Evolution ist als teleologische Transzendenz die Verfassung der relativen Energiestruktur dieses absoluten Bewusstseins. Das Selbst der Wirklichkeit setzt sich demzufolge aus dem absoluten Zustand der ewigen Philosophie und der relativen Struktur ihres zeitlichen Ausdrucks zusammen, das Sein und das Bewusstsein sind als autopoetische Resonanz in ihrer Bedeutung identisch und nur im Sinn verschieden und betreiben eine dialektisch Kommunikation zwischen der partikularistischen Endlichkeit und der universalistischen Ewigkeit. Dies bedeutet, dass wenngleich der Begriff der ewigen Philosophie bisher weitestgehend durch die Wahrheit des absoluten Bewusstseinszustandes außerhalb von Raum und Zeit definiert wurde, sie in einer Annahme des Panentheismus und Panpsychismus als umgreifendes Dasein des Seins und des Bewusstseins sowohl die Involution als auch die Evolution in sich birgt. Das pan-psychische, panentheistische absolute Bewusstsein der relativen Energiestruktur ist zugleich Ausdruck und Erfahrung seiner immanent selbstentfaltenden Transzendenz der Wirklichkeit.


Das absolute Bewusstsein der Involution kann der Philosophie Schellings folgend als ein allumfassender Naturorganismus verstanden werden, der seine stetige Selbsttranszendenz aus dem seinem idealistischen Selbst in der relativen Energiestruktur der realistischen Wirklichkeit vorantreibt. Die relative Energiestruktur der Evolution kann der Philosophie Hegels folgend als die dialektische Teleologie des Weltgeistes verstanden werden, der nach einer manifesten, differenzierten, integralen und holistischen Bewusstseinseinheit seines monistischen Selbst strebt. 


Wie hier bereits anklingt, sind die begrifflich-logischen Trennlinien zwischen der Involution und der Evolution, dem Zustand des absoluten Bewusstseins und der relativen Struktur seiner Energie, schwierig und mitunter nur undeutlich zu ziehen. Dass ist deswegen der Fall, da die Evolution und die Involution beinahe dieselbe Bedeutung in sich tragen, in ihrem Sinn jedoch verschieden sind. Die Bedeutung ist der mit einem Sprachausdruck bezeichnete Gegenstand und der Sinn die Art und Weise, in welcher der Gegenstand gegeben ist. Hier sollte deutlich werden, dass es sich bei der von mir gemeinten Bedeutung der ewigen Philosophie um einen nondualen Zyklus handelt, in dem das Geistige und das Physische, die Involution und die Evolution, das absolute Bewusstsein und die relative Energiestruktur lediglich in ihrem Sinn verschieden, dabei jedoch auf denselben Gegenstand, auf sich selbst als absolutes Bewusstsein der relativen Energiestruktur, bezogen sind. Der Gegenstand der verschiedenen Ebenen des Sinns ist die ewige Philosophie in ihrem Ausdruck, die als die ontologische Teleologie der relativen Energiestruktur des absoluten Bewusstseins Gottes verstanden werden kann. Die metaphysische Sonne des platonischen Gottes ist in ihrer Bedeutung ewig, kann in ihrem Sinn jedoch als Morgensonne oder als Abendsonne, als Involution oder als Evolution, interpretiert werden. Das absolute Bewusstsein ist die Einheit des jenseitigen, immanenten Monismus der Involution und zugleich in ihrem Wesen der relativen Energiestruktur die Evolution des diesseitigen, transzendenten Holismus. 


Monismus ist die philosophische Annahme, dass alle Wirklichkeit aus einem einzigen letzten, also einem nonduales Prinzip abzuleiten sei, welches ich hier als absolutes Bewusstsein der Ewigkeit beschrieben habe. Holismus ist die Lehre der Ganzheit, die mehr als die Summe ihrer Teile ist, welche ich hier als die relative Energiestruktur der Endlichkeit dargestellt habe. Die Involution des Monismus und die Evolution des Holismus sind der geistige Zustand und die materielle Struktur der ewigen Philosophie, in der keiner der beiden Pole aufeinander reduzierbar ist. Die Welt der Vielheit und der Landkarten ist das Diesseits der Form und Struktur, die Welt der Einheit und der Landschaft ist das Jenseits des inhaltlichen Zustandes. Beides gleichermaßen anzuerkennen und miteinzubeziehen erscheint mir als die Aufgabe einer integralen, ewigen Philosophie des endlichen Ausdrucks. Die ewige Philosophie sollte meiner Ansicht nach den transzendenten Willen in der relativen Energiestruktur als Ausdruck des immanenten Wissens des absoluten Bewusstseins verstehen und beide Seiten nondual in sich mit einbeziehen. 


Ich habe bereits die Begriffe der Intraphysik des Selbst und der Metaphysik der Wirklichkeit in den Raum gestellt, ohne diese genauer zu definieren, was nun an dieser Stelle noch nachzuholen ist. Das Selbst und seine Intraphysik sind, wie ich es sehe, die Involution des (menschlichen) Bewusstseins in seiner Teilhabe am absoluten Bewusstseins. Die Metaphysik der Wirklichkeit kann hingegen als die relative Energiestruktur der Evolution verstanden werden, welche das Wesen des immanenten, monistischen und absoluten Bewusstseins zunehmend komplex, integral und holistisch transzendiert. Der Psyche, welche der antiken griechischen Bedeutung des Wortes nach die Lebendigkeit ist, wohnt ein Logos, eine Ordnung, ein Ausdruck inne. Die Psychologie des absoluten Bewusstseins ist dem folgend als der Ausdruck seiner Lebendigkeit in der relativen Energiestruktur zu verstehen. Die Psychologie des (menschlichen) Bewusstseins ist wiederum das subjektive Spektrum der Landkarten des ordnenden Selbst, welches durch den Ausdruck symbolischer Systemen nach der Erkenntnis und Erfassung der lebendigen Wirklichkeit strebt. Beziehen wir an dieser Stelle den interpretativen Zirkel der Hermeneutik von Hans Georg Gadamer mit ein, so kann im Umkehrschluss jedoch auch die Wirklichkeit als ein Spektrum objektiver Symbolsysteme verstanden werden, welche ebenso der zunehmend komplexen Erfassung und Erkenntnis des subjektiven Selbst dienen kann. Das Wesen Gottes als nonduales Bewusstsein der ewigen Philosophie ist in diesem Sinne das objektive Subjekt und subjektive Objekt als das Selbst der Wirklichkeit. Dieses Selbst der Wirklichkeit ist die intraphysische Involution der metaphysischen Evolution. 


In den abschließenden Worten dieses Essays, der sich im Kern auf den uralten Konflikt des Universalienrealismus bezieht, will ich einmal auf die Crux meiner Darlegungen eingegangen sein. Die weitaus meisten der großen Philosophen des Westens vertraten die Meinung, dass irgendeine Art des Absoluten existiere, das Gute, Gott, den Geist. Die große Frage der westlichen Philosophie lautete seit jeher, in welcher Beziehung, in welchem Zusammenhang die absolute Einheit mit der relativen Vielheit zu sehen sei. Diese tiefgreifend wichtige Frage brachte eine ganze Reihe an Paradoxa wie das Leib-Seele-Problem, den Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determination, den Konflikt zwischen Kultur und Natur, Bewusstsein und Gehirn, Transzendenz und Immanenz, Subjekt und Objekt, Aufstieg und Abstieg, Involution und Evolution, hervor. Mein hier diesbezüglich erläuterten Überlegungen schlagen in dieselbe Kerbe wie das absolute Identitätssystem Schellings und sehen sich mit jener Problematik konfrontiert, derer auch er schließlich gewahr wurde, dass nämlich die Zweiheit der Philosophie in der Erkenntnis verwurzelt sei. Gegenüber der Anschauung der Seele im Absoluten, dem Göttlichen im Menschen, sei Erkenntnis nur das Negative. In ähnlicher Weise argumentiert auch der integrale Philosoph Ken Wilber, wenn er zurecht anmerkt, dass jegliche intellektuelle Darlegung dieser Inhalte mindestens unzureichend sein muss, da die Vereinigung mit dem Absoluten nur in einer spirituellen oder mystischen Vereinigung erfahrbar, doch nie wirklich zutreffend zu beschreiben sein kann, was ich einleitend bereits angedeutet hatte. So stand ich im Verlauf dieses Schreibprozesses vor der mir selbst gestellten Aufgabe, eine logisch kohärente Darlegung meiner philosophischen Überzeugungen, welche sich auch aus spirituellen Erfahrungen speisen, in einem poetisch hochtrabenden Gewand möglichst verständlich und nachvollziehbar zum Ausdruck zu bringen. Letztlich muss schlicht jede intellektuelle Erkenntnis als endliche Philosophie gegenüber der spirituell erleuchtenden Praxis der ewigen Philosophie unzureichend bleiben, wenngleich erstere einen Ausdruck der letzteren darstellt. Deshalb will ich mit einem Zitat von David Couzens Hoy zu enden. „Beim Prozess des Verstehens und Deutens bildet das Verhältnis zwischen dem Teil und dem Ganzen einen hermeneutischen Zirkel: Um das Ganze verstehen zu können, muss man die Teile verstehen, aber man kann die Teile nur verstehen, wenn man einen gewissen Begriff vom Ganzen hat.“ Inwieweit mir es hier gelungen ist, ein solches Verständnis ansatzweise zu vermitteln, lasse ich an dieser Stelle gerne sie entscheiden. 

Klassenkampf & Utopie

Rap als Kritikinstrument der bestehenden Politik

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Was hat man als RapperIn in der heutigen Zeitenwende zur Reformation der Gesellschaft beizutragen? Nun, die seit anderthalb Jahren stattfindende Situation der Corona-Pandemie dürfte in vielerlei Hinsicht als Brennglas staatlicher wie ziviler Missstände fungiert haben. Von der mindestens fragwürdigen Abwägung zwischen der Wirtschaft und allen anderen Lebensbereichen, der sozialen Ungleichheit und diesbezüglichen Ungerechtigkeit in der Schere zwischen Arm und Reich über bekanntgewordene Korruptionsfälle von Politikern, die sich sogar in der momentanen Lage noch darin verstehen, sich persönlich zu bereichern, bis hin zu auf Wahlen bezogene Machtkämpfe zwischen den föderalen Ländern und der Bundesebene und der absurden Feststellung, dass das viertreichste Land der Welt im internationalen Vergleich der Eindämmung des Coronavirus vermutlich nicht besonders gut wegkommen wird: es war im Grunde fast alles dabei. Nun gut, keiner der tieferliegenden Mechanismen scheint mir besonders überraschend zu sein, denn dass die Tragfähigkeit des Raubtierkapitalismus in einer auf Konkurrenz ausgelegten Wirtschaft und in erster Linie an Konsum orientieren Gesellschaft historisch zunehmend an ihre Grenzen zu stoßen scheint, war vielen Soziologen, Politologen, Philosophen und weiteren Kapitalismuskritikern schon vor dieser Krise bewusst. Spätestens seit der Weltwirtschaftskrise zwischen 2007 und 2009 und der zunehmenden Dringlichkeit der Frage nach konkreten Lösungen für den Klimawandel sollte eigentlich klar sein, dass gerade die reicheren Länder, die über gewisse Ressourcen und Strukturen verfügen, in dieser Sache vorangehen sollten. Wir gehen dennoch nicht gemeinschaftlich und solidarisch in die Richtung einer besseren, möglicherweise utopischen Zukunft, weil der Kapitalismus seiner Natur entsprechend auf Ausbeutung und dem neoliberalen Prinzip der Verwertungslogik sowie der Annahme beruht, es müsse eben Gewinner und Verlierer geben. Der Zusammenhang zwischen Kapital und Faschismus scheint historisch insbesondere hierzulande ein wiederkehrendes Phänomen darzustellen, sodass Fälle wie Oury Jalloh, Halle, Hanau, NSU und NSU 2.0 nicht besonders überraschend sind, da man sich zum einen nie den Stachel des kollektiven Traumas unserer Geschichte gezogen hat und zum anderen nach wie vor eine repräsentative Demokratie verteidigt, die eine Art Drehtür-Modell zwischen Abgeordneten und Lobbyisten ermöglicht. All diese Missstände können und sollten von RapperInnen angeklagt werden, selbstredend in Form eines politisch differenzierten Bewusstseins um all das Gute, was das System, in dem wir derzeit leben, halt auch mit sich gebracht hat. Ich betrachte mich als Pazifist und glaube, dass Reformation durch die Evolution des Geistes immer lebensdienlicher und nachhaltiger sein wird, als Gewalt und Revolution es sein könnten. Wir leben eben entgegen der Meinung einiger Querdenker in einem Staate der demokratischen Verfassung und keiner Diktatur, und wenngleich das Kapital nachweislich an vielen Stellen Grundfreiheiten untergraben hat und strukturelle Gewalt (insbesondere auf Minderheiten) ausübt, so sollte der Kampf um eine bessere Welt im dialektische Prozess doch mit den richtigen Mitteln geschlagen werden: mit der Aufklärung und der Vernunft, der Sensibilität und Empathie. Vielleicht erleben wir bei den anstehenden Bundestagswahlen ein Erdbeben, vielleicht haben wir bald das bedingungslose Grundeinkommen, dass es den Menschen endlich ermöglicht, aus freien Stücken arbeiten zu dürfen und sich darüber hinaus Gedanken über eine sinnvolle Gestaltung eines glücklichen Lebens machen zu können. Vielleicht werden Großkonzerne wie die Lufthansa (die vom Staat mit neun Milliarden gerettet wurde und dennoch nachweislich so viele Steuern wie möglich im Ausland zahlt, um den Profit zu maximieren) bald enteignet und verstaatlicht, damit in Zeiten wie diesen die ganze Kunst - und Kulturbranche nicht in Existenzängsten ertrinken muss. Vielleicht werden auch Wohnungskonzerne enteignet, damit nicht wie im vergangenen Winter Obdachlose vor leerstehenden Hotels sterben müssen. Vielleicht haben wir bald einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, der dann sogar wirklich mal funktionieren könnte. Vielleicht ertrinken vor der Festung der Wertgemeinschaft Europa mal keine Menschen im Mittelmeer, weil der Staat die Seenotrettung nicht nur nicht verhindert, sondern sogar aktiv unterstützt. Vielleicht werden mal keine fadenscheinigen Debatten über die Aufnahme von Geflüchteten geführt, die sowieso in der Pflege wie vielen weiteren Bereichen in den kommenden Jahrzehnten gebraucht werden. Vielleicht nimmt man sich der Dringlichkeit des Klimawandels endlich mal aufrichtig an, um eine enkelfähige Erde und Zukunft zu hinterlassen, statt Greenwashing zu betreiben und in Reaktionismus und konservativen Strukturen bis zum Weltuntergang auszuharren. Ich für meinen Teil träume von einer idealistischen Zukunft, die all dies und mehr ermöglicht. Vielleicht war Corona der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringen wird. Vielleicht ist es aber auch Rap als eine der derzeit größten Jugendkulturen, die als Sprachrohr mal ein bisschen in eine ohnehin versalzene Suppe spucken könnte, um den Sinn und Geschmack des aufgetischten Gerichts gesamtgesellschaftlich an sich einmal auf völlig neue Art und Weise hinterfragen zu können. In diesem Sinne danke ich ihnen für ihre Zeit, diese Zeilen zu lesen. 

Anne Frank Bildungsstätte #disconnect Politischer Rap-Contest 
Platz 2 in der Kategorie von 14 - 19 Jahre (2021)

KRoNE Interview im Podcast "Liebe für Hip Hop" vom Rapper Bangarang Dave (2020)

Rezension zu meinem Debütalbum "Nach den Regentagen" von meinem Freund und Mentor, Schriftsteller und Journalist Oliver Uschmann (2019)

Interview zu meinem Debütalbum "Nach den Regentagen" mit meinem Freund und Mentor, Schriftsteller und Journalist Oliver Uschmann (2019)